Da ich bei der Reduktion meines Körpergewichts dankenswerterweise gute Erfolge erzielt habe, bin ich auch aus einigen besonders beliebten Kleidungsstücken herausgeschrumpft. Jetzt passt mir keiner der drei schwarzen knielangen Röcke mehr wirklich, die in meinem Kleiderschrank ihr Dasein fristen. Da ich meine Röcke lieber auf der Hüfte trage als in einem dekorativen Häufchen um meine Knöchel, muss also ein neuer her.
Die Vorgaben sind simpel: Knielang, also so kurz, dass das Ding über dem Knie aufhört, denn ich habe bei längeren Röcken das Problem, dass die dann an der kräftigsten Stelle der Wade enden, was den Beinen den Anschein von sehr stämmig gibt. Schlicht wär mir recht, also halbwegs auf Figur geschnitten, mit einem Schlitz seitlich oder hinten, aber ansonsten kein Schnickschnack, keine Taschen, keine Applikationen. Klingt nach einem klassischen schwarzen kurzen Rock, oder?
Tja, wenn die Welt so einfach wär… Ich wohne unweit der SCS, der Shopping City Süd. Ein riesiges Einkaufszentrum, und auf einem erklecklichen Anteil der Verkaufsfläche werden Textilien feilgeboten. Viele Modeketten sind dort vertreten. Letzte Woche habe ich sie alle konsultiert.
In Erwartung weiterer Schrumpfung möchte ich für den Rock nicht allzu viel ausgeben, also probiere ich es mal bei den günstigeren Vertretern der Modeketten. H&M, Schöps, Vögele und Orsay enttäuschen, der Flop bei New Yorker war zu erwarten, aber ich lass ja keine Gelegenheit ungenutzt. Tag eins endet mit dem Erwerb eines kurzen blauen Rocks, eines dunkelblauen und eines lilafarbenen Oberteils, Haarspangen, eines Modeschmuckrings und einer ebensolchen Brosche.
Tag zwei führt mich zu Fussl’s Modestraße (bescheuerter Name!), Zara, Xanaka, Bonita, Zero und Bonny Zago. In letzterem Geschäft wäre ein annehmbares Exemplar Rock zu einem vertretbaren Preis zu haben – allerdings qualitativ unter jeder Kritik, und so unsauber vernäht, dass ich Abstand genommen habe. Amüsant alleine, dass die der Pubertät noch nicht lange entwachsene Verkäuferin nach der Prüfung aller vorhandenen Röcke dieses Zuschnitts (jeder auf individuelle Weise mit Fehlern ausgestattet) versucht mir einzureden, das müsse so… Dieser Tag endet mit dem Erwerb eines kurzen beigen Rocks, eines braunen und eines hellblauen Shirts.
Ich hatte an diesen beiden Tagen viele, viele Röcke in der Hand. Ich habe mich recht bald vom Anspruch „auf Figur geschnitten“ verabschiedet, würde also auch eine A-Form in Betracht ziehen. Ich lasse auch in Bezug auf Gürtel oder eine Schleife mit mir reden lassen. Aber die Dinger gehen prinzipiell alle über mein Knie. Man mag einwenden, dass ich mit 1,65 m nicht unbedingt zu den Riesinnen zähle, aber ich frage mich, für wen geschneidert wird? Frauen ab 1,88m?? Das andere Extrem sind Ultra-Kurz-Minis, auch bekannt als Breitgürtel. Allerdings weigere ich mich standhaft, einen „Rock“ zu tragen, bei dem nicht mal mein Hintern bedeckt wird, von den Schenkeln ganz zu schweigen. Ich habe ja Mitleid mit der ästhetischen Wahrnehmung meiner Mitmenschen. Schulmädchen-Style-Faltröcke sind a) zu kurz und würden sich b) mit meiner kurvigen Figur nicht harmonisch zu einem Bild fügen. Nun ist guter Rat langsam teuer. Von I. bekomme ich einen gratis: „Geh doch in ein Kellnerinnen-Bedarfs-Geschäft!“. Bald bin ich soweit ;)
Die Onlinerecherche bei den bekannten Versandhäusern ergibt, dass schwarze Röcke, die knapp überm Knie enden, eine ausgestorbene Textilgattung sind. Wer nun meint, ich wolle etwas vollkommen unmögliches, der irrt aber. Ich bekäme unzählige Röcke nach meiner Vorstellung, in Canvas, Tweed, Wolle, Strick, T-Shirtstoff, Cord, Samt, Jeans. Und auch in Stoff, in einer breiten Palette von Farben, nur nicht in schwarz (ja, schwarz ist keine Farbe, ich weiß. Aber tun wir so als ob *g*). Schwarze Kleider in allen möglichen Schnitten, die knapp über meinem Knie enden – kein Thema. Aber kein Rock.
Nach einem Tag
VerzweiflungsVerschnaufpause nutze ich die verlängerte Donnerstagsöffnungszeit, und gehe in jeden Laden in der SCS, der Textilien an den Menschen bringt und noch nicht examiniert wurde. Sogar in solche, die ich normalerweise der Schonung meines Kontos willen nicht betrete. Man ahnt es schon – ich ende ohne Beute. Ein Exemplar nach meiner Vorstellung wäre mir untergekommen, der Preis betrug aber nach Reduktion immer noch ein Mehrfaches dessen, was ich leichten Herzens ausgebe. Dieses Mal ziehe ich auch ohne Ersatzbeute von dannen. Denn ich habe Dinge gesehen, die jegliche Kauflust im Keim erstickt haben. Ich glaube, ich weiß jetzt, wo die ganzen Menschen, deren Geschmack ich zu bezweifeln wage, ihre modischen Verwirrungen beziehen.
Freitags begebe ich mich dann an einen Ort, den ich dachte, nie wieder zu betreten. Die Verzweiflung treibt mich zu Adlers Modemarkt! Zeitgleich mit einem ganzen Pensionistenheim versuche ich etwas Kleidsames zu finden. Ich scheitere kläglich, beobachte aber das muntere Treiben der Senioren. So wie es da zugeht, beschleicht mich der Verdacht, dass alle überlebenden Rentner ihre an sich gerafften Sachen gratis kriegen, wenn eines der alten Leutchen vor Ort ins Gras beißt. Ich fliehe letztendlich ohne auch nur ein Kleidungsstück in Erwägung gezogen zu haben. Nicht mein Stil...
Im virtuellen Austausch mit S. berichtet diese dann von einer Bestellorgie bei H&M. Nachdem der Onlineshop von Orsay schon nichts hergegeben hat, bin ich skeptisch, aber ich sehe mich auf der Website von H&M um – und entdecke wundersamerweise zwei Exemplare, die pixelig ein gutes Bild machen. Mal sehen, wann die Post mich beliefert… Allein dieser Fakt festigt mich so weit, dass ich mein Leid niederschreiben kann, sonst würde ich zitternd gegen Gummiwände rennen. Ich werde weiter berichten über das Ringen um das passende Kleidungsstück.