Ich geb's ja zu - ganz normal bin ich nicht. Wer mich näher kennt, weiß das vermutlich, und fragt sich, wie ich jetzt grad drauf komm. Ich habe gerade Bilder von Tschernobyl gefunden und ich kann jedem nur empfehlen, sich den Link anzusehen. Ich finde es (morbide) faszinierend was passiert, wenn vom Menschen errichtete Strukturen dem Verfall und dem Zahn der Zeit überlassen werden.
Auf alle Fälle hat sich einer meiner "heimlichen" Wünsche wieder zu Wort gemeldet: Ich würde mir Tschernobyl gerne ansehen. Ja, ich weiß, das klingt, als ob ich einen schweren Schlag weg hätt oder ordentlich abartig drauf wär. Aber ich denke, es lässt sich mit meiner Neugier und meiner Persönlichkeitsstruktur relativ gut erklären.
Ich möchte nicht aus Sensationsgeilheit oder der Freude an der (Strahlen)Gefahr hin. Vielmehr würde mich die Erweiterung meines Horizonts reizen. Ich würde gerne verstehen, wie zerstörerisch Atomkraft wirklich ist, wie sich ein fataler Moment auf lange Zeit auf die Umgebung auswirkt, wie Dinge sich entwickeln und in sich zusammenfallen, wenn der Mensch nicht mehr da ist. Im Endeffekt wäre es Verständnis für Kausalität und für die Vergänglichkeit der Zeit, die ich zu erlangen versuchen würde.
Obwohl ich ein zukunftsorientierter Mensch bin, reizt mich die Vergangenheit. Ich würde gerne in der Zeit reisen können, ich würde gerne aufgegebene Gebäude erkunden, ich würde gerne in nicht für Touristen aufbereitete Bereiche von Sehenswürdigkeiten vordringen. Als Kopfmensch muss ich gewisse Dinge sehen und in sie eintauchen, bevor ich sie nicht nur mental sondern auch gefühlsmäßig verstehe.
Auch wenn wir als Kinder mal auf Burgruinen rumgekraxelt sind, auch wenn wir Geschichtsunterricht hatten, auch wenn wir zusehen konnten, wie sich Dinge im Lauf des Jahres/der Jahre verändern, ich glaube, dass das Phänomen der Vergänglichkeit der Zeit ein schwer zugängliches ist. Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als ich mir darüber klar wurde: Ich war 12, ich hatte gerade einen CD-Player bekommen und spielte einen Song einer Roxette-CD immer wieder. Als ich ihn erneut hörte, fiel mir auf, dass ich die vergangenen vier Minuten nie wieder werde zurückbekommen können. Bis dahin war ich der Meinung, alles nachholen zu können. Irgendwie starb in dem Moment ein Teil meiner kindlichen Unschuld.
Als ich für mein Englisch-Matura-Thema "Utopien" den Roman "Day of the Triffids" las, wurde mir zum ersten Mal klar, wie wir Menschen uns diesen Planeten untertan machen und dass wir dabei gegen die Natur vorgehen, die sich das natürlich nicht einfach so gefallen lässt. Das sprachliche Bild, wie die Vegetation sich "zurückholt", was ihr einmal gehört hat, hat mich irgendwie nie wieder losgelassen.
Ruinen sind ein Faszinosum für mich. Alte Burgen sind toll. Wenn ich nicht so gesetzestreu wäre, würde ich stillgelegte Fabriken und verlassene Häuser durchstöbern (ok, und ich würd mich vermutlich anmachen, dass mir was passiert dabei). Ich hätte so gerne die nicht zugänglichen Bereiche von Ellis Island durchstöbert (auch wenn da alles noch steht - die Anlage war lange genug dem Verfall überlassen), es hat fast schon körperlich weh getan, es nicht tun zu können.
Drum finde ich, dass Tschernobyl eine Reise wert wäre. Mir ist klar, dass die Chancen extrem gering sind, dass ich das je machen kann. Zum Glück gibt es Leute, die es tun konnten, und die Bilder davon - und von anderen verlassenen, verfallenen Orten - herzeigen. Ein schwacher Ersatz, aber immer noch spannend.
GALLUP POLL: 46% Of Americans Are Young Earth Creationists
Vor einer Stunde

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