Ich gestehe, ich bin nicht das beste Beispiel für Lockerheit. In mir ist viel Korrektheit, viel Regulierung, etwas Zurückhaltung in Bezug auf die Beurteilung einer Situation. Aber es ist heute viel besser als früher, wo ich richtig steif war, nicht wusste, was angemessen war und für die Einschätzung von Dingen auf "digitale Kategorisierung" zurückgegriffen habe: entweder 0 oder 1, schwarz oder weiß. Wenn eine Option nicht zutraf, musste die andere zutreffen. Es gab für mich kein Dazwischen, kein grau, kein 0,5. Ich war auch immer jemand, der am Liebsten alles im Voraus wusste und geplant hat, allein schon, damit ich Sicherheit habe.
Heute bin ich wesentlich spontaner, ich bin gelassener, unverkrampft, für meine Begriffe richtig locker. Ok, ich trinke immer noch nicht, ich habe immer noch dezidierte Ansichten zu Dingen, aber ich habe gelernt, wie Graustufen und bunt aussehen, und dass nicht alles immer nach den Richtlinien geht, die ich für angemessen oder korrekt halte. Früher hätte alles so sein sollen, wie es in meiner kleinen Welt als richtig galt, heute kann ich mit allem leben, wenn wer anderer das für sich für richtig hält. "Live and let live" lautet die Maxime.
Ich bin immer noch gerne vorbereitet und weiß, was mich erwartet, aber ich werd nicht mehr unrund, wenn ich ins Unbekannte steuere. Heute fange ich ja mit meinem neuen Job an, und ich habe nur eine vage Vereinbarung mit dem, der mich einschulen wird, ich habe keine Ahnung, wie mein Dienstvertrag aussieht, was ich verdienen werde, was genau administrativ noch zu tun ist. Mein Chef ist nicht da, die aus der Personalverrechnung hab ich mehrfach kontaktiert, aber nie erreicht. Vor ein paar Jahren hätte ich mir graue Haare wachsen lassen. Jetzt warte ich einfach ab, was passiert, es wird sich schon weisen.
Auch wenn sich Facetten meiner Persönlichkeit immer noch entwickeln, ich glaube kaum, dass ich der Typ bin, der komplett ungehemmt durchs Leben marschieren wird. Das Maß an Lockerheit, das ich erreicht habe, gefällt mir, das möchte ich auch beibehalten. Mir ist schon klar, dass ich, auch wenn ich für mich komplett entspannt bin, für andere immer noch alert wirken mag. Ich bin einfach da, ich reagiere schnell. Trotzdem habe ich mich an Silvester schon etwas gewundert, als nach einem kleinen Exkurs in die Wesenheit des Schaltjahres die Frage an mich gerichtet wurde, ob ich denn je locker sei. Ich habe flapsig geantwortet, dass ich grade locker sei, mir aber doch Gedanken gemacht: Was ist für andere locker? Ist Wissen unlocker? Geben andere ihr Wissen an der Eingangstür ab, wenn sie auf eine Party gehen? Darf Smalltalk wirklich nur kleine Dinge beinhalten?
Ich werde jetzt ganz locker noch mal versuchen, etwas Schlaf zu finden, sonst wird's morgen anstrengend :)
GALLUP POLL: 46% Of Americans Are Young Earth Creationists
Vor einer Stunde

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