Dienstag, 10. Januar 2012

Morgenstund hat Schlafsand im Augenwinkel...

Heute, ca. 7:09, im Süden Wiens. Es ist feucht, es ist dunkel. Winter halt. Ich biege wie gewohnt nach links ab. Die nächste Ampel ist dann immer grün. IMMER. Also habe ich auf den Erfahrungswert vertraut, auf Autopilot geschalten und bin mit einem flotten 50er* über die 4-spurige Straße geflitzt, während ich vor dem geistigen Auge mal abgehandelt habe, was heute so ansteht. Meine Stimme begleitet die Eagles, die aus dem Autoradio schalmeien.

Die Umgebung nehme ich eher schemenhaft wahr: Nach der Kreuzung steht ein Polizei-Touran am Straßenrand, besonders auffällig deswegen, weil eines der Bremslichter nicht funktioniert. Daneben: ein Herr in Uniform. In Kreuzungsmitte steht ein weiterer Polizist und wendet mir unverschämterweise seine Kehrseite zu. Träge wenden sich meine Gedanken von meinem Tagesablauf zum Spruch meiner Großmutter, die mir vor bald 15 Jahren für diese Situation einen Merksatz mitgegeben hat: "In den Bauch und in den Rücken darf ich ihm nicht fahren". Während mein Hirn also die Heckansicht identifiziert und mit dem Satzerl versucht in Übereinstimmung zu bringen, haben meine Füße schon reagiert: Einer tritt die Kupplung durch, der andere nagelt das Bremspedal auf die Bodenplatte. Als mein Hirn zum Schluss kommt, dass ich keine Vorfahrt habe, stehen Cecilia und ich auch schon, dank ABS-Einsatz. Halb in der Kreuzung. Fast schon auf Tuchfühlung mit einem Scenic, der von rechts kommt. Berechtigterweise. Der Uniformierte in Polizeiwagen-Nähe fuchtelt in der Gegend rum. Die Nachricht ist klar und deutlich: Er vermutet, dass ich einen an der Waffel hab. Ich ziehe eine entschuldigende Miene, was ihn dazu zu verleiten scheint, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Als sein Kollege sich um 90° dreht, darf ich unbehelligt meines Weges ziehen.

Zwei Gedanken streiten sich in den abrupt leer gewordenen Platz in meinem Kopf: Schon spannend, dass der Körper so viel vor dem Kopf reagieren kann. Und: Mist, mal wieder eine Chance verpasst, den österreichischen Durchschnitts-IQ in der x-ten Nachkommastelle zu steigern. Wenn so ein Polizist ablebt, dessen Maximal-IQ nach meiner Beobachtung vorgeschriebene 80 nicht übersteigen darf, dann muss sich doch was nach oben bewegen, oder?

Und etwas ernsthafter: Jeder Jogger kann sich heute für kleines Geld extrem reflektierende Streifen für sein Sportgwandl kaufen. Jeder Müllmann ist leichter aus kilometerweiter Entfernung zu erspähen, als der Freund und Helfer, der sich in vermutlich suizidaler Absicht in Kreuzungsmitte geworfen hat. Kann sich die Polizei keine ordentlichen Reflektoren leisten? Ja, ich bin kurz nach dem Aufstehen nicht immer in Top-Form, aber ich kenne Leute, die den lieben langen Tag weniger fit sind als ich kurz nachdem ich das Bett verlassen habe. Ja, es war mein Fehler, ich hab mich nicht 100%ig konzentriert, sondern war in Gedanken woanders. Aber: dass die Verkehrsteilnehmer nicht immer in den Vertrauensgrundsatz fallen, sollte die Polizei wissen. Deshalb gehören Polizisten sichtbarer gemacht, vor allem, wenn sie den Verkehr regeln sollen. Damit niemand drauf angewiesen ist, dass die Füße des Nächsten eh wissen, was sich gehört. Meine Lektion hab ich auf alle Fälle gelernt. Den Strafzettel hätte ich problemlos akzeptiert, der wäre mehr als verdient gewesen...

* übersetze: wohl eher 65....